Peter Lenk bei der Aufstellung der Imperia | © Foto: Franzis von Stechow

Satirische Kunst von Peter Lenk am Bodensee

26 November 2018
von Margrit Philipp, Autorin ADAC Reiseführer plus Bodensee
Würde die attraktive, offenherzige "Imperia" sich heute im Konstanzer Hafen drehen, wenn Peter Lenk sie nicht nächtens und klammheimlich per Schiff über den See kommend aufgestellt hätte?

Peter Lenks provokante Skulpturen stehen in der westlichen Bodenseeregion unübersehbar auf den attraktivsten Plätzen von Städten und Gemeinden und sind wahre Publikumsmagneten. Selten wurde seine Kunst anfangs wohlwollend aufgenommen. Allein die Nacht-und-Nebel-Aktion um die Aufstellung der "Imperia" in Konstanz ist eine atemberaubende Geschichte, die Lenk im Rahmen von Führungen durch seinen Skulpturengarten höchst unterhaltsam schildert.
 

Die schöne Imperia

Würde die attraktive, offenherzige "Imperia" sich heute im Konstanzer Hafen drehen, wenn Peter Lenk sie nicht nächtens und klammheimlich per Schiff über den See kommend mit vertrauten Helfern aufgestellt hätte? Konservative Politiker und Amtsinhaber hätten noch jahrelang alles unternommen, die hochragende Schönheit mit nacktem Papst und Kaiser in Händen als skandalös abzutun und zu verhindern. Heute ist das Schnee von gestern, die "Imperia" wurde zum ironischen Gesicht der Stadt und diese ohne ihr freiheitliches Wahrzeichen nicht mehr vorstellbar. "Jetzt müssen wir das Ding kaufen, sonst sind wir blamiert", soll ein Kommunalpolitiker geäußert haben, wohl wissend, dass die Statue massenhaft Touristen anlockt und somit zu einem echten Wirtschaftsfaktor geworden ist.
 

Merkel ohne Kleider

Auch der Bürgermeister in Lenks Wohnort Bodman-Ludwigshafen stellte fest, dass das Relief "Ludwigs Erbe" an der Rathausfassade mit der Sequenz "Global Players" das Knöllchenaufkommen für falsches Parken um 5000 Euro in die Höhe schnellen ließ. Der Grund: Es sind Bundespolitiker wie Edmund Stoiber, Hans Eichel, Guido Westerwelle, Gerhard Schröder im Adamskostüm – und in deren Mitte Bundeskanzlerin Angela Merkel im nicht unattraktiven Eva-Look zu sehen.
 

Traum eines U-Boot Fahrers

Nachdem ebenfalls in einer Nachtaktion die Sparkasse Stockach auf ihrem Gelände die Skulptur "U-Boot U20" aufgestellt hatte, zogen am Himmel der Finanzgruppe dunkle Wolken auf. Wurde doch der in Amt und Würden befindliche Verteidigungsminister Rudolf Scharping in zweifelhafter Pose aufs Korn genommen. Mit dem Rücktritt des Ministers legten sich die Gemüter jedoch wieder, seither ist das Lenk-Kunstwerk neuer Anziehungspunkt des Bankhauses. Touristen richten ihre Kameras auf die von Lenk in Beton gegossenen Gestalten, die auf satirische Weise, meist nackt und unförmig absurde Machenschaften in Politik, Wirtschaft, Klerus und Establishment aufs Korn nehmen – thematisch ähnlich grotesk wie auf Motivwagen im Kölner Karneval. Das findet Anklang. Doch ist es obszön, die Mächtigen der Welt künstlerisch auf ihre nackte Existenz zurückzuwerfen und sie entkleidet im Lichte kritikwürdigen Handelns im öffentlichen Raum zur Schau zu stellen? Die Öffentlichkeit ist durchaus geteilter Meinung. Peter Lenks Standpunkt ist klar: "Ein nackter Mensch ist nicht obszön, obszön ist die Politik. Da kommt kein Künstler mehr mit."
 

Eine Auswahl der Lenk Skulpturen in der Region

  • Hagnau
    » Dorfheiliger: Mit dieser Skulptur (2014) des früheren Pfarrers Heinrich Hansjakob kokettiert Lenk mit dessen nicht immer enthaltsamem Lebenswandel
     
  • Bodman-Ludwigshafen
    » Bildhauergarten: Hier sind zahlreiche Skulpturen des Künstlers zu bewundern
    » Ludwigs Erbe mit Global Players: Das 10 x 4 m große Relief am Zollhaus in Ludwigshafen (2008) ist eine deftige Gesellschaftssatire, eine Abrechnung mit der Habgier und ihren Geizhälsen
    » Narrenschiff: 2018 wurde an dem Bodmaner See um das mehrere Tonnen schwere Kunstwerk angebracht, auf dem Personen aus Politik und Wirtschaft im Lenk-Stil abgebildet sind
     
  • Gaienhofen
    » Paradiesvögel: Bei der Enthüllung 1997 ließ ein Sohn des Bildhauers eine Tonbandaufnahme seines Vaters mitlaufen, in der u.a. zu hören war: "Was verstehst du denn von Sünde, wenn du sie nicht begangen hast? Gar nischt!"
     
  • Konstanz
    » Imperia: Die 10 m hohe Betonfigur (1993), die an achtbare Hübschlerinnen (Kurtisanen) des 15. Jh. erinnern soll, ist die berühmteste Arbeit des Künstlers
    » Triumphbogen: Dieses 1991 errichtete Werk besteht aus 30 Figuren, mit denen sich der Künstler über den Autowahn lustig macht
     
  • Meersburg
    » Magische Säule: Die 2007 enthüllte Säule an der Hafenmole zeigt Portraits bekannter Persönlichkeiten aus der Meersburger Stadtgeschichte, darunter auch die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff
     
  • Radolfzell
    » Kampf um Europa (2013): Lobbyisten, Finanzhaie und Politiker bedrängen die Figur der Europa
     
  • Stockach
    » U20 oder der Traum eines U-Bootfahrers: Einen Ehrenplatz auf U20 ergatterte Rudolf Scharping 2001 nach seinem spektakulären Tauchgang mit Gräfin Pilati im Pool auf Mallorca
     
"Dorfheiliger" in Hagnau
Bildhauergarten von Peter Lenk in Bodman-Ludwigshafen
Bildhauergarten in Bodman-Ludwigshafen
Paradiesvögel in Gaienhofen | © Kultur- und Gästebüro Gaienhofen, Foto: Rainer Pudwill
"Paradiesvögel" in Gaienhofen © Kultur- und Gästebüro Gaienhofen, Foto: Rainer Pudwill
"Imperia" in Konstanz
Lenk-Brunnen am Triumphbogen in Konstanz
"Triumphbogen" in Konstanz
Kunstwerk "U20 oder der Traum eines U-Bootfahrers" von Peter Lenk in Stockach
"U20 oder der Traum eines U-Bootfahrers" in Stockach

Über den Bildhauer Peter Lenk

Peter Lenk wurde 1947 in der Dürer-Stadt Nürnberg geboren. Er studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und wurde Kunstlehrer in Stockach. Weil Lenk sich konsequent weigerte, seinen Schülern Zensuren zu geben, musste er den Lehrerberuf beenden. Mit seiner Frau Bettina, Hund, Katze, Koikarpfen im Teich und einer Schar Hühner lebt und arbeitet Lenk inmitten seines Skulpturengartens am Westzipfel des Überlinger Sees, in Bodman-Ludwigshafen. Der benachbarte Mäzen der Familie, Wilderich Graf von und zu Bodman, hatte dem Künstlerehepaar sein ehemaliges Doktorhaus überlassen. Hier entstanden noch zu Mauerzeiten die Skulpturen "Die schwäbischen Floßfahrer" (Klinikum Emil v. Behring, Zehlendorf) und "Mauerkieker" (Checkpoint Charlie), die in West-Berlin anfänglich kulturpolitisch für reichlich Wirbel sorgten, Bodman-Ludwigshafen aber bekannt machten. In seinem Buch "Berliner Rodeo" beschreibt Peter Lenk diese frühen abenteuerlichen Kunstaktionen im öffentlichen Raum. In der Abgeschiedenheit der Kreativschmiede am Bodensee entstehen die Ideen für satirische Bildhauerarbeiten, mit denen Lenk seit Jahrzehnten aneckt und Skandale auslöst.

Wie geht er damit um? Er bedient sich zum einen des Bonmots von Friedrich Dürrenmatt, dem zufolge das Leben nur als Komödie zu ertragen sei, zum anderen Albert Camus’ Erkenntnis, dass die Fantasie die Menschen darüber hinwegtröste, was sie nicht sein können – und der Humor darüber, was sie tatsächlich sind.

Den Skulpturengarten öffnet Peter Lenk nach Anmeldung für persönliche Führungen (www.peter-lenk.de). Dem humorvollen und sehr belesenen Homo Politicus der 68er-Generation zuzuhören ist ein Genuss und man erfährt, dass jedes noch so kleine Detail des Lenk’schen Bildhauerwerks gut recherchiert und durchdacht ist.
 

"Die Deutschen sind noch am ehesten zur Selbstironie fähig und auch tolerant genug, meine Provokationen zu ertragen und zu verstehen." Peter Lenk


Quelle

Vorabdruck aus dem ADAC Reiseführer plus Bodensee, Autorin Margrit Philipp, erscheint im Januar 2019 bei GRÄFE UND UNZER